Natur.Technik.

Die Natur hat ein unbegrenztes Farbspektrum. Rein physikalisch würden mir Spezialisten widersprechen, weil es eben doch Grenzen gibt, aber für uns Menschen — und wahrscheinlich für die meisten Tiere — ist die Farbenpracht im wahrsten Sinne des Wortes umwerfend.

Will man diese Farben fotografisch umsetzen, kommt in vielen Fällen am Rechner die Meldung »Color out of Gamut« (»Farbe außerhalb des Farbraums«) hoch, d.h. die Farbe kann in technischen Prozessen wie dem Druck nicht mehr korrekt dargestellt werden.

Um möglichst präzise arbeiten zu können, wurde für die Druckindustrie ein sogenannter »Medienkeil« entwickelt, der in der Druckvorstufe auf einem Bogen platziert und dann gedruckt wird, um anschliessend die Farben mit einem Colorimeter (X-Rite, Datacolor) ausmessen zu können. Damit soll sichergestellt werden, dass die Farben so gedruckt werden, wie sie vom Kunden angeliefert (und gewünscht) wurden.

Einer der Medienkeile sieht so aus:

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Erweiterter Ugra/Fogra Medienkeil mit Graustufenkeil, Haarlinien und Siemensstern

Sicher kennen Sie die vielfältigen Angebote an Farbtafeln (z.B. Color Checker Passport für Digital für rund 100 Euro, IT 8.7 Target für Film/Scan für rund 40 Euro), die man mit einer Digitalkamera — möglichst im Normlicht mit 6.500° Kelvin — aufnimmt, um dann die Kamera profilieren zu können, damit die Farben auch mit anderen Lichtquellen im fertigen Foto 100% stimmen (Das war jetzt die Kurzform).

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Colorchecker Passport

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IT 8.7/2 Target (Aufsichtsvorlage) von Coloraid

So weit, so gut. Oder schlecht.

Warum? Ganz einfach: wird das fertige Bild (im Druck, auf dem Display) bei Normlicht betrachtet, sieht alles wunderbar aus. Nur ohne Normlicht stimmen die Farben nicht mehr. Haben Sie zu Hause Normlicht? Eher nicht. Hat Ihre Galerie Normlicht in den Räumen? Eher nicht. Haben Sie beim Kunden Normlicht? Bei Freunden, Bekannten? Sie merken, wohin die Reise geht…

Im Prinzip macht eine Normierung, Kalibrierung oder Profilierung durchaus Sinn, um Prozessabläufe wenigstens in etwa zu synchronisieren und zu standardisieren, damit beispielsweise der türkise Pullover im Druck immer noch türkis ist — aber nur unter Normlicht. Schaut sich jemand den Katalog unter einer gedimmten Halogenlampe an, stimmt die Farbe nicht mehr, und der ganze Aufwand von der Aufnahme bis zum Druck war für die Tonne und hat viel Geld gekostet.

Nur ergibt es eben keinen Sinn mehr, wenn Druckertreiber (z.B. Canon) derart modifiziert werden, dass die Farben »knackiger«, die Farbsättigung höher, die Kontraste stärker werden und die Schärfe bereits Schmerzen verursacht, ohne dass Sie den Hauch einer Beeinflussung haben. Soweit zur Technik

Jetzt werden Sie sagen: Aber es gibt doch nur die Möglichkeit, über einen gemeinsamen Standard zu Resultaten zu kommen. Es gibt doch keine Alternativen, oder?

Doch, gibt es. Recht preiswert sogar. Womit wir zur Natur kommen.

Gehen Sie zu einem Händler für Künstlerbedarf und suchen Sie nach Farbmustertafeln für Wasserfarben. Die meisten Hersteller lassen die Farbtabellen auf hochwertigem Papier drucken; das sind meistens Flyer, die Sie kostenlos mitnehmen dürfen.

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Farbtafel von Daniel Smith Watercolors

Neben die Vorlage legen Sie ein Teflon- oder PTFE-Band (Gewindedichtband aus dem Sanitärbereich), das Ihnen einen 100% präzisen Weisspunkt garantiert (bitte nicht die weisse Spule, sondern das weisse Band!)

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Davon machen Sie idealerweise bei Tageslicht eine Aufnahme (Belichtung mit Lichtmessung, d.h. mit einem Handbelichtungsmesser oder via Graukarte messen), ohne es nachzubearbeiten.

Dann lassen Sie das Bild möglichst auf gleichem oder ähnlichem Papier in gleicher Grösse wie die Vorlage drucken. Ein normaler Farbdrucker neben Ihrem Rechner ist dafür definitiv nicht geeignet. Sehen Original und Kopie identisch aus, können Sie sich freuen. Geringe Abweichungen sind für Ihre (Privat) Zwecke unerheblich.

Wenn Sie wollen, können Sie im zweiten Durchgang noch den Weisspunkt in dem Teflonband abgreifen und einen weiteren Druck anfertigen lassen, um zu sehen, inwieweit Ihre Kamera den Weisspunkt richtig erfasst. Die Abweichungen zwischen den Ausdrucken sollten marginal sein.

Alternativ lassen Sie von einem Bekannten eine Farbtabelle anfertigen. Der Rest der Prozedur ist wie eben geschildert.

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Farbtafel eines Künstlers

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Farbtafel eines Künstlers mit Linie Blau-Grün-Gelb-Rot-Violett

Drucken Sie diese beispielhaften Farbtabellen bitte nicht mit Ihrem Office Drucker aus, das geht in die Hose. Ausserdem sind sie viel zu klein.

Sind die Farben zu intensiv, zu blass oder gibt es ein paar Ausreisser, können Sie Anpassungen in der Bildbearbeitung vornehmen, die Sie sich am besten für später notieren, um eine Reproduzierbarkeit zu ermöglichen. Im Vergleich zu den professionellen »Targets« (ausser dem IT 8.7/2) sehen Sie bereits, dass die individuell erstellten Farbtafeln erheblich mehr Farbtöne aufweisen und Sie somit einfacher sehen können, in welchem Teil des Spektrums die Abweichungen ihrer Kamera oder Ihrer Prozesse liegen.

Passen die Farben überhaupt nicht, haben Sie ein Problem, nur wird das äusserst selten vorkommen, da alle Kameras recht genau kalibriert sind. Dann bleibt Ihnen nur der Weg, den Hersteller zu kontaktieren oder dem Händler Ihres Vertrauens auf die Füsse zu treten.

Im Idealfall konvertieren Sie ein RAW mit RPP (Raw Photo Processor), GIMP, Darktable oder Rawtherapee, weil das die einzigen Programme sind, die nicht bereits bei der Konvertierung irgendwelche Algorithmen verwenden, von denen Sie nichts wissen. Lightroom verdreht bereits einige Parameter, obwohl es angeblich ein »Industriestandard« ist. Wie weit Sie damit ausserhalb einer Normlichtquelle kommen, habe ich oben dargelegt.

Ohne konstante Variablen (Normlicht) spielt es also kaum eine Rolle, ob die Farben 100% exakt wiedergegeben werden. Da ist viel heisse Luft und mystischer Schwurbel in dem Thema Farbmanagement ausserhalb hochwertiger Drucktechnik.

Bringen Sie den Mut auf, ausgetretene, teure und limitierende Pfade zu verlassen und freuen Sie sich auf Ihre Fotos mit natürlichen Farben.

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Rollei 35 S, Kodak Portra 160, Präzisa Entfernungsmesser, Standardentwicklung C41, Scan @4.000 ppi @16/48 bit, kein Stativ, Ausschnitt

Wenn man hier einen Weisspunkt abgreifen will, geht das in die Hose, weil es kein reines Weiss im Foto gibt. In diesem Fall habe ich den Weiss- respektive Schwarzpunkt direkt aus einem blanken Stück Negativfilm mit der Orangemaskierung vor dem Scan in der Scanvorstufe ermittelt. Sehen Sie sich als Kontrastprogramm zu der Aufnahme mal den Katalog eines Pflanzenhändlers an, dann wissen Sie, wie sehr Sie mit »technischen Farben« belogen und betrogen werden.

Sie wollen mir sagen, dass dieser Ansatz falsch ist? Dann schreiben Sie mir hier.