Akademischer.Dummfug.

Gestern war ich mal wieder bei ZEIT Online unterwegs. Irgendwann, etwas weiter runter gescrollt, in der Rubrik »Wissen« bin ich über die Überschrift »3 Tipps für professionelle Fotos« gestolpert. Klick.

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Da wird also ein Fotokurs von zwei »Dozenten« angeboten: Prof. Wiebke Loeper und Prof. Frank Schumacher. Was deren Spezialgebiet ist, wird natürlich nicht erläutert. Was dozieren die denn so? Haben die 30 Jahre Erfahrung in der Fotografie, oder sind sie sogar Fotografen? Macht ja nichts, schliesslich sind das angeblich Dozenten der ZEIT Akademie, die dürfen das (Ganz unten erfahren Sie, was Ihnen die ZEIT verschweigt, wo sie wirklich Dozenten sind).

Auf Seite 3 dann der entscheidende Satz, der den ganzen Dummfug enttarnt:

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»Die Wahl der Kamera entscheidet darüber, wie Sie sich in der Welt bewegen.«

Schlimmer geht es nicht. Sie wissen, dass ich schon seit 4 Dekaden sage:

Jeder kann mit einer Kodak Box oder Agfa Klack das Titelfoto für »TIME Life« machen. Oder die »Vogue«. Oder das »Time Magazine«, denn:

Eine Kamera ist eine lichtdichte, innen schwarz gefärbte Box, in der vorne ein Loch oder ein Objektiv und hinten eine Halterung für ein Medium (Film oder Sensor) ist.

Punkt.

Das ist seit Anbeginn (vor 175 Jahren) der Fotografie so und daran werden auch die ZEIT Dozenten nichts ändern, es sei denn, sie werden von der Fotoindustrie gesponsert, um bestimmte Marken und/oder Modelle zu propagieren. Davon ist nach der oben zitierten Aussage auszugehen.

Wie SIE sich in der Welt bewegen, entscheiden SIE, Ihr Kopf und Intuition, nicht irgendeine beschissene Kamera!

Abgesehen davon: Was soll der Hobby-Blitzauslöser auf der Kamera auf Seite 3? Ordentlich was hermachen? Den braucht man im Normalfall nicht, es sei denn, man will im Studio oder draussen eine Blitzanlage damit ansteuern — die sehe ich jedoch nicht. Aber protzig schaut’s halt aus, gell? So richtig Möchtegern-Profimässig. Als Dozent der ZEIT Akademie läuft man wahrscheinlich permanent mit dem Ding auf der Kamera montiert durch die Gegend…

Wenn Sie dann am Ende der Dummfugseite angekommen sind, erfahren Sie, dass Sie 451 Minuten Videos erhalten, mit Experteninterviews. Mit anderen Worten: Ihre Dozenten werden Sie wohl eher nicht persönlich begrüssen können, nur virtuell.

Übrigens: Der interviewte Peter Bialobrzeski ist wirklich ein sehr guter Fotograf und Professor an der Hochschule für Künste Bremen. Ihn im Zeitalter der Youtuber und Instagrammer als »Experten« zu bezeichnen, ist schon fast beleidigend, denn der kann wirklich etwas und hat als Fotograf viele Jahre Erfahrung. Zu den anderen »Experten« kann ich nichts sagen, die sind mir nicht bekannt…

Um es kurz zu machen: Wenn Sie Fotografie lernen wollen, gehen Sie zu einem Meisterstudio und fragen, ob Sie dort ein Volontariat für ein paar Monate machen können. Natürlich müssen Sie dann mit anfassen, aber: Nur durch Erfahrung lernt man! Dadurch lernen Sie mehr als mit irgendwelchen Videos von irgendwelchen Dozenten.

Ansonsten können Sie gleich Youtube aufrufen, denn bei Youtube finden Sie Millionen Videos über Fotografie. Alles »Experten« dort. Die bringen Ihnen in 3 Minuten alles bei, was Sie über Fotografie wissen müssen…

— SARKASMUS AN —

Doch, doch, Sie müssen nur kräftig dran glauben.

— SARKASMUS AUS —

Denken Sie daran: Nicht die Kamera spielt die Hauptrolle in der Fotografie, sondern Ihr Kopf, Ihre Ideen, Ihr Vorstellungsvermögen, Ihre Visionen, Ihre Fähigkeit, Farben und Licht sehen zu können. Alles andere ist kalter Kaffee oder gern auch akademischer Dummfug, denn schliesslich ist seriöse Fotografie ein solides, bodenständiges Handwerk und keine intellektuelle Spinnerei.

Sollte die Seite der ZEIT Akademie nicht mehr aufrufbar sein (ein beliebtes Spielchen der Redaktionen, Inhalte zu verbergen, wenn mal wieder jemand Mist gebaut hat), können Sie hier ein von mir von der Seite erstelltes PDF anfordern.

Noch etwas: Bemühen Sie mal Tante Google nach Prof. Wiebke Loeper. Die sieht ganz anders aus. Offenbar wurde sie extra für die Zielgruppe »Silver Agers« oder »Best Agers« etwas passender zurechtgemacht. Gleiches trifft auf Prof. Frank Schumacher zu, der etwas seriöser gestylt wurde. Nun ja, Verlage dürfen das, um ihre Produkte unter die Menschheit zu bringen… Authentisch ist das nicht.

Sie wollen wissen, wo die beiden nun wirklich Professoren sind? Bitte sehr, mit nicht gestylten Fotos: