Zu.Viel.

Es gibt eine neue Digitalkamera auf dem Markt, die in die Hemdtasche passt. So, wie meine Rollei 35 S. Nein, keine Sorge, ich werde jetzt nicht um Millimeter feilschen, das wäre Unfug.

Nachdem ein Bekannter zu mir sagte: “Das wäre doch eine für Deine Freizeit, als moderner Ersatz für Deine Rollei 35.” dachte ich, die sehe ich mir mal an, wohl wissend, dass es für die Rollei keinen Ersatz geben wird, erst recht keinen »modernen«. Letztlich hat der Hinweis auf das ZEISS-Objektiv mein Interesse ausgelöst (Neudeutsch »getriggert«), und die SONY (immer in Versalien bitte!) Cybershot DSC-RX100 VII rückte für einen Moment in meinen Brennpunkt.

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Die Abmessungen sind ja schon mal gut für die Hemdentasche, aber nur, solange die Kamera nicht aktiviert ist, denn dann wird es eng, weil das Objektiv ausgefahren wird.

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Und genau das Ding erfüllt wieder einmal das alte Klischee: Meiner ist der Längste. Mit anderen Worten: Es sieht total bescheuert aus, mit so einem schwarzen Stufen-Pimmel im Gesicht durch die Gegend zu laufen, oder? So gesehen hätte ein Brennweitenbereich von 24 bis 100 mm ausgereicht.

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Immerhin hat die SONY einen verkrüppelten Sucher, d.h. einen EVF oder auch Electronic ViewFinder, also eigentlich keinen echten Sucher, sondern ein TV-Bild in halber Briefmarkengrösse am Ende eines kurzen Tunnels, den man ausfahren kann. Plopp. So lange das Plastik hält.

Problem mit dem Sucher: Mit Informationen überladen. Wer, bitte schön, soll sich auf das Motiv und die Aufnahme konzentrieren sowie gleichzeitig und zusätzlich noch die ganzen Informationen im Auge behalten? Eben.

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OK, das ist schon mal besser als diese »normalen« Zwergenkameras, die keinen Sucher haben, sondern bei denen man auf das Display (=Mäusekino) auf der Rückseite sehen muss, was in den meisten Fällen einen verkappten Hitlergruss mit dem linken oder rechten Arm erfordert.

Also, ohne Batterie sieht man — genau — nichts. Dann bleibt die Miniglotze schwarz. Auslösen kann man auch nicht mehr, weil keine Mechanik drin ist. Bei vielen früheren (!) Kameras funktionierte wenigstens das Auslösen ohne Batterie für den Belichtungsmesser noch. KLACK.

Kommen wir zum Objektiv. Ein Zoom mit einem Brennweitenbereich von 24 bis 200 mm (bezogen auf »Vollformat«, die SONY hat aber nur einen Briefmarken kleinen Sensor!) ist schon eine gewaltige Hausnummer. Nachteil: Es gibt keinen Zoomring, sondern nur so einen kleinen Nippel am Auslöser, den man nach links oder rechts drücken muss. Das ist nicht nur ungenau, sondern auch lästig. Bssst. Bssst, nee, doch die andere Richtung, Bssst. Oh, zu nah dran, Bssst, shit, zu weit weg, Bssst — jetzt ist der Hund in den Büschen, Mist. Sie merken schon, wohin die Reise geht, oder?

So weit, so gut und schlecht. Ich hätte mich gegebenenfalls noch damit anfreunden können, aber dann habe ich die Tabelle mit den Einstell-Optionen gesehen:

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Nee, liebe Leute, das ist nicht nur »way over the top«, das ist schon bösartig — wer soll sich das alles merken? Oder gar unterwegs eine neue Option einstellen können? Übrigens gibt es eine gleich lange Liste der Optionen für die Videofunktion, denn die SONY kann auch Video (was ich aber nicht will). Nun, meinen Kaffee im nächsten Restaurant kann sie aber immer noch nicht bestellen…

Ja, ich weiss, die SONY »kann auch ISO«, d.h. ich kann die Sensor-Empfindlichkeit ändern, falls es mal dunkler werden sollte. Nur wie und wo ich das Einstellen kann, das ist schwer zu finden in dem sehr weit verzweigten Menü über mehrere Ebenen. Bis ich das gefunden habe, habe ich das alte, kleine Bilora-Stativ ausgezogen und mit der Rollei schon ohne schwarzen Stufen-Pimmel im Gesicht eine Aufnahme gemacht, während der SONY-Fan noch fummelt, ehrlich.

Kurz: Gut gemacht, aber viel zu fummelig, viel zu leicht, viel zu viel »Radio« mit TV-Sucher, d.h. sie ist der reinste Batterie-Fresser. Ohne Ladegerät (SONY liefert nur ein USB-Kabel zum Laden mit) ist das nichts für mich, dem Blende, Verschlusszeit und Entfernung ausreichen. Auch wenn es etwas körnig sein sollte, was mich nicht weiter stört, denn den Film-Look kann niemand nachbauen.

Ach, noch was: Die Kamera braucht einen RAW-Konverter, wenn man RAW aufnehmen will. Auf meinem »alten« Rechner läuft die Software nicht mehr. Ein neueres Betriebssystem läuft auf meinem Rechner nicht mehr. Ergo müsste ein neuer Rechner her, der mit rund 2.500 Euro zu Buche schlägt. Dann passen die Anschlüsse für meinen Filmscanner nicht mehr, ich muss alle anderen Programme ebenfalls auf die neuesten Versionen »updaten«, um das (Kasse machen -) Karussell am Laufen zu halten. Ich habe aber keine Lust mehr zu

jetzt-kaufen.JPG

Deshalb bleibe ich bei

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und

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Irgendwo gibt es Grenzen, die ich — nur für ein Freizeitvergnügen — nicht überschreiten werde.

Nichts für Ungut, die SONY ist sicher eine Überlegung wert für jemanden, der noch keine Kamera hat oder seine »Grosse« nicht mehr schleppen will, die Leistungen sind wahrlich beeindruckend, nur eben nicht für mich. Noch nicht. Erst wenn die kleine Rollei 35 S zerfallen wird, denke ich mal darüber nach, und dann wird es bei mir in der Version XXVII eine Einstellung aus den ganzen Optionen werden, die für alles funktionieren muss, weil ich keine Lust habe, hunderte von Seiten im Handbuch zu lesen und ein Jahr lang austesten muss, was ich alles falsch machen kann.

Blende, Verschlusszeit, Entfernung — das ist alles, was eine perfekte Fotografie braucht.

Eine Frage bleibt noch offen: Aus welchem finsteren Grund wird heute keine Kamera mehr aus Metall gefertigt?