Ver.Besserung.

Manchmal dauert es ein paar Wochen, etwas zu verbessern. Manchmal sehr viel länger: Nun fotografiere ich schon vier Dekaden mit einer Rollei 35, und erst vor ein paar Tagen ging mir ein Licht auf: Die lässt sich noch verbessern! Genauer: Das »Handling« oder auf Altdeutsch die Bedienung.

Früher (!) hatten viele Kameras einen aufsteckbaren Belichtungsmesser.

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Etwas später wurden sie mit eingebautem Belichtungsmesser gebaut, deren Anzeige auf der Oberseite des Kameragehäuses war. Bei den Rolleiflex 6×6 Kameras (den »Zweiäugigen« oder »Twin Lens Reflex«) war die Belichtungsmessernadel in einem Knopf an der Seite.

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Der Vorteil: Man konnte die Belichtung messen, ohne die Kamera ans Auge zu nehmen, also ganz praktisch Blende und Verschlusszeit prüfen und einstellen, bevor man sein Blickfeld mit dem Sucher einschränkte. Ich empfand das als ungemein praktisch. Sogar die Nikkormat FTn hatte eine Belichtungsmesseranzeige auf der Oberseite (heute »Schulter« genannt) des Gehäuses (# 2, das Fenster unter dem N).

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Dann stellte man die Entfernung ein, d.h. man schätzte die Distanz und stellte den Entfernungsring auf dem Objektiv entsprechend ein — Entfernungsmesser waren noch Mangelware. Dann erst nahm man die Kamera vor das Auge, legte den Ausschnitt fest und KLICK. Nach dem Motto »In der Ruhe liegt die Kraft«.

Die kleine Rollei funktioniert ebenso. Von Bedienerperspektive von oben gesehen links vorn, neben dem versenkbaren Objektiv das Verschlusszeitenrad, rechts vorn das Blendenrad, oben die Anzeige-Nadeln.

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Irgendwann dachte ich: Mensch, damals (!) hatten die Aufnahmen, die mit den zweiäugigen Rolleiflex Kameras (oder Mamiya oder Yashica oder Seagull) oder der Hasselblad gemacht wurden immer eine wunderbare Perspektive. Warum? Weil sie aus Hüft- oder Brusthöhe gemacht wurden, nicht von oben. Simpel, oder?

Gut, wie kann ich das mit der Rollei 35 S machen, ohne die Kamera dabei zu verkanten, zumal ja alle Einstellungen »von oben« gemacht werden? Eigentlich ganz einfach: Ich brauchte nur eine Möglichkeit, die Kamera vertikal auszurichten — eine Dosenlibelle, und zwar eine möglichst präzise. Oder besser gleich zwei: Eine für horizontale und eine für vertikale Aufnahmen.

So sieht es dann aus (ganz frisch heute Morgen montiert). Von links nach rechts: der Filmtransporthebel, die Dosenlibelle, der Knopf zum Entriegeln des versenkbaren Objektivs, der Softauslöser mit dem gefrästen »R«, darunter die Anzeige des Belichtungsmessers. Der Zeiger mit dem Ring zeigt die Kombination aus Blende und Verschlusszeit, die weisse Nadel den gemessenen EV-Wert, ganz links das rote Element ist das untere Limit. Sieht man die Nadel in dem kleinen Loch, ist die untere Grenze des Messbereichs erreicht — dann muss man rechnen.

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Wenn alle Einstellungen stimmen, kann ich die Kamera in Hüfthöhe halten, auf das Sujet »im Level« ausrichten und KLICK. Die gegebenenfalls marginalen Verkantungen kann ich später korrigieren.

Ein weiterer Vorteil: Ich kann die kleine Rollei präzise auf einem Stativ ausrichten, z.B für Nachtaufnahmen. Mit einer aufgelegten »Libelle« (kleine Wasserwaage) ist das Fummelkram, mit den Dosenlibellen mit einer Genauigkeit von 11′ (‘=Bogenminuten) kein Problem. 11’ sind ⅙ Grad — das ist präziser als die eingebauten, künstlichen Horizonte moderner Digitalkameras! Ja, ich weiss, ich bin wahrscheinlich einer der letzten perfektionistisch veranlagten Fotografen, die das noch mit natürlicher, erlernter Intelligenz und handwerklichem Fingerspitzengefühl VOR dem Auslösen machen, statt hinterher künstlicher Intelligenz und automatisierter Photosuppe das Feld zu überlassen.

Der Clou: Die Rollei ist masshaltig konstruiert, d.h. die Kameraoberseite ist im rechten Winkel zur Rückwand und Filmlage, die linke Seite der Rückwand ist ebenfalls im rechten Winkel zur Filmlage. Das Sahnehäubchen: Die Dosenlibellen sind aus Aluminium gefräst und schwarz eloxiert, passend zur Kamera. Punktlandung!

Wenn ich schon mal dabei bin, hier die Unterseite der Rollei mit dem Filmzählwerk, dem Blitzschuh und der Rückspulkurbel. Da ist wirklich jeder Platz genutzt. Muss auch bei den Abmessungen von nur 9,7 cm (H) × 6 cm (B) × 3,2 cm (T). Jedes Smartphone ist grösser (aber dünner).

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Gleiches habe ich mit meiner Digitalkamera versucht, aber leider ist das Gehäuse derart verwurstet, dass es nirgendwo eine Fläche planparallel oder im rechten Winkel zum Sensor gibt.

Übrigens ist das präzise Ausrichten von Digitalkameras genau aus dem Grund abenteuerlich, denn ich kann selbst den Präzisionswinkelmesser, den ich vor einiger Zeit gekauft hatte, nirgendwo ansetzen — es gibt keine Fläche, die planparallel zum Sensor ist. Eine Anfrage bei Nikon führte zu keinem Ergebnis — niemand weiss, welche Fläche planparallel oder im rechten Winkel zum Sensor ist. Das rückwärtige Display könnte es »vielleicht eventuell fast beinahe gar nicht« sein, die Abweichungen sind unbekannt. Ein absolutes Trauerspiel…