Schleuder.Trauma.

Heute kamen die neuen Zahlen der CIPA

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Ganz böse Sache. Wir werden grade Zeitzeugen der unaufhaltsamen Implosion des Kameramarktes. ZACK.

Spannend dazu sind die Ausführungen von Dr. Schuhmacher: https://www.foto-schuhmacher.de/artikel/foto-wirtschaft.html

Werteverfall der Fotografie hautnah. Wenn Fotografien nichts mehr kosten dürfen oder immer »billiger« angeboten werden, ist irgendwann die Grenze zur Wirtschaftlichkeit der Fotografen unterschritten, was aber die Kunden nicht weiter stört, denn schon lange gehört es nicht mehr zum guten Ton »Leben und leben lassen«, sondern »Leben und knebeln«.

Die digitale Revolution frisst ihre Kinder, und das schneller als gedacht. Früher (!) gab es Fotografen, Laboranten, Lithografen, Drucker, Setzer, Lektoren. Was übrig blieb: Die Fotografen, die nur noch in Ausnahmefällen richtige Fotografen waren/sind, weil sie das Metier (ich sage ganz bewusst nicht »Beruf«) nie gelernt haben, sondern in den meisten Fällen stinklangweilige Berufe haben und erst nach Feierabend oder am Wochenende zu Möchtegern-Profis mutieren.

Dank der Digitalisierung konnten sie eine wahre Bilderflut anbieten. Mit entsprechender Software haben sie auch gleich die Laborarbeit durchgeführt und die Lithografie ersetzt. Alles zum Preis der Fotografien, ohne Extrakosten, weil »man« ja am Markt absahnen wollte.

Vor ein paar Wochen hatte ich in einem Gespräch erfahren, dass 50 Euro für mindestens ein professionelles Foto für ein mittelständisches Unternehmen »viel zu viel« seien. Man hätte eine interne Richtlinie umzusetzen. Übersetzt: Der Fotograf hat nicht nur die Kosten für seine Werkzeuge, die er wahrscheinlich noch abbezahlen muss, sondern Fahrtkosten zum Aufnahmeort, um sich ein Bild vor Ort zu machen (was ich grundsätzlich mache, weil ich nicht mehr glaube, dass »das ganz einfach« ist), was ca. ½ Stunden dauert. Mindestens. Dazu die Zeit, die er im bundesdeutschen Stau verbringt mit 2 Stunden. Parkgebühren nicht vergessen! Es folgt der Tag der Aufnahme. Zwei Stunden sind immer drin. Plus An- und Abfahrt mit je einer Stunde. Plus Sichtung der Aufnahmen und die »Entwicklung« der besten Fotos mit rund einer Stunde. Aufbereitung der Fotos nach Kundenwunsch, Retusche, Versand möglichst per Upload auf einen Server — nochmal ½ Stunde.

Summa summarum: 8 Stunden Arbeitszeit. Bei 50 Euro für den Auftrag entspricht das einem Stundensatz von 6,25 Euro, also weit unter dem gesetzlichen Mindestlohn. Davon muss er noch Spritkosten, KFZ-Steuer und Versicherung, die Miete für Büro und/oder Studio sowie Kameras und Zubehör, Rechner, Software, Strom, Steuern, Kranken- und Rentenversicherung bezahlen. Vielleicht möchte er ja auch mal etwas essen.

Ist klar, wie lange das funktioniert, oder? Ist auch klar, dass nichts für eine Neuanschaffung übrig ist. Oder eine Ersatzbeschaffung — es reicht definitiv nicht. Und dann wundert sich die Kameraindustrie über einbrechende Umsatzzahlen? Welch unerwartete Überraschung für die Hersteller…

Nur die Billigheimer können auf solche Preise einsteigen, wenn sie einen Job haben, mit dem sie sich quer subventionieren. Dann wird halt nach Feierabend oder am Wochenende »mal eben geknipst«, um das Taschengeld aufzubessern (Ganz besonders schlimm im Bereich Hochzeitsfotografie oder Portraits, also für private Aufträge).

Interessiert das jemanden? Nein. Das Resultat: Der (Unter-)Durchschnitt regiert die Welt, der Beruf des Fotografen wird wertlos und obsolet. Dem Untergang folgt die Kameraindustrie in Fernost, weil es niemanden mehr gibt, der eine umfangreiche Ausrüstung kauft — die Smartphone-Fotos machen das schon. »Reicht doch.« So sieht es auch aus. Oder es wird in Bildarchiven gekauft, weil es auf den ersten Blick billig ist. Auf den zweiten nicht mehr, aber dann ist der Drops bereits gelutscht, der Vertrag mit den sehr eingeschränkten Nutzungsrechten per Mausklick abgeschlossen.

Das ist die eine Seite. Die andere findet man bei ebay, wo mittlerweile sogar professionelle System regelrecht verschleudert werden, zu Niedrigstpreisen. Nach dem Motto: Alle zwei Jahre ein neues System muss sein, sonst ist der »Profi-Nimbus« weg. Also weg mit dem alten Krempel.

Ich frage mich immer häufiger: Was kommt danach? Irgendwann wird es auch andere Berufe treffen, viele Menschen werden flüssiger als Wasser — überflüssig. Und dann? Eine Antwort habe ich bis jetzt nicht gefunden. Ach so, na klar, die KI (Künstliche Intelligenz) mit ihren überragenden Algorithmen wird es richten. Via Siri oder Alexa sagt man dem Rechner mit Photosuppe oder Luminar: Such mal eine Gruppe junger Leute, ein Bürogebäude und einen blauen Himmel und mach was draus. Dumm nur, dass das dann jeder machen kann, und die Resultate werden noch beschissener aussehen als das, was wir heute im Internet 4.0 sehen.

Oh, einen habe ich noch. Neulich im Drogeriemarkt. Ein jüngerer Mann nahm sein »Handy«, hielt es hoch, lächelte und machte ein Selfie. Dann ging er zum Bilder-Kiosk und liess das Foto ausdrucken, nahm eine Büroklammer und heftete es an eine — so wie es aussah — Bewerbung. Eine Froschfratze in einer Bewerbung — tiefer kann die Gesellschaft nicht mehr sinken. Die Wertlosigkeit ist unter dem Bodensatz des Erträglichen angekommen.

Liebe private und kommerzielle Auftraggeber, sehen Sie einen Fotografen nicht als billigen Bediener (Operator) von Werkzeugen an und degradieren ihn damit zu einem ungelernten und wertlosen Menschen. Als Partner für Ihre Fotos ist er unersetzlich — ebenso unersetzlich, wie Sie es für Ihre Auftraggeber (Kunden) sind oder sein wollen.

Wenn Du es eilig hast, mache einen Umweg. Sei achtsam.
[ Aus dem Zen Buddhismus ]

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FOTO © 2019 BY JENS G.R. BENTHIEN