Farb.Temperatur.

Seit letztem Jahr habe ich mich intensiver mit verschiedenen Filmen (Emulsionen) im KB-Format beschäftigt, die ich in meiner Rollei 35 S und Minox 35 GT belichtet habe.

Angefangen hatte ich mit einem Kodak Ektachrom 100 Diafilm, der ähnlich ist wie der Fuji Provia 100F, den ich schon seit Jahren in grösseren Formaten einsetze. Diese beiden Filme sind über jeden Zweifel erhaben, so auch bei dem Einsatz als KB.

Dann wurde es spannend. Ich wollte Negativfilm testen. Die erste Entscheidung: es sollte ein »professioneller« Film sein, somit kam nur der Kodak Portra 160 für KB in Frage, denn Fuji stellte bereits keinen professionellen niedrigempfindlichen Film für KB mehr her.

Der langen Rede kurzer Sinn: Der Portra ist ein sehr guter und ausgeglichener Film mit feinem Korn, d.h. ich kann auch grössere Drucke davon anfertigen lassen. Die Farben sind — logisch — nicht so intensiv wie bei einem Diafilm, aber dafür ist der Tonwertumfang sehr viel grösser, d.h. von tiefen Schatten bis zu hellsten Lichtern liefert er noch Details.

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Leider gibt es diesen Film kaum »um die Ecke« oder im Fotofachhandel (für rund 11,00 Euro extrem teuer!) zu kaufen, ich muss ihn online bestellen (für angemessene rund 7,00 Euro). Als ich letztes Jahr einen Film brauchte, aber keine Zeit mehr für eine Bestellung war, bin ich — genau — um die Ecke zum Drogeriemarkt Rossmann gegangen, weil ich mal gesehen hatte, dass die noch Filme verkaufen. Dort angekommen fand ich zwar Filme, aber keinen Portra, sondern »nur« Kodak Gold 200.

Nun gut, ich brauchte einen Film, und für 7,95 Euro für 3 Filme mit einer Empfindlichkeit von 200 ASA @ je 36 Aufnahmen war das der Deal des Tages. Ich und ein nicht professioneller Film — na, was das wohl wird…

Als ich den ersten Film aus dem Labor zurückbekam und scannte, war ich überrascht. Die Fotos hatten diese typisch amerikanische Anmutung der Farben, sehr warm, sehr weich. Kein Problem, das kann man, wenn man will, in der Nachbearbeitung korrigieren, wenn man will, indem man den Kontrast anhebt. Nur der Farbton…

Der Film hatte was. Ich will jetzt nicht sagen »Retro«, aber irgendwie kamen da Erinnerungen an Früher (!) hoch — damals sahen die Farben auch so aus, vor allem auf den Negativfilmen, die ich während meiner Studienzeit in den USA belichtet hatte. Die Amerikaner mochten offenbar schon immer Warmtöne, farbneutrale Fujifilme waren in den USA damals noch absolut unbekannt.

Sehr schön ist der Tonwertumfang des Gold 200, den ich grundsätzlich um +1 EV überbelichte, damit die Schatten noch mehr Details haben. Richtig überbelichten kann man einen Negativfilm eigentlich nicht, aber das »Warum« wäre ein separates Thema.

Kurz und gut: Der Kodak Gold 200 ist ein Film mit »alter« Emulsion und etwas groberem Korn als der Portra sowie anderen Farben. Das Korn fällt am Monitor auf, im Druck allerdings nicht, wenn man ein Format von 60×40 cm nicht überschreitet oder bei grösseren Formaten den Betrachtungsabstand korrekt wählt.

Was mich im Laufe der Zeit gestört hat, war der Warmton. Irgendwann reichte es mir einfach, und ich habe angefangen, eine Lösung zu finden. Im Bildbearbeitungsprogramm »Photoline« oder kurz »PL«, das mit 16/48 bit Farbtiefe absolut professionell arbeitet, gibt es eine Funktion »Color Temperature«. Das war genau das, was ich brauchte: Damit konnte ich die Farbtemperatur vom Warmton auf Neutral ändern.

Somit habe ich jetzt einen zwar simplen, aber zuverlässigen Film, mit dem es Spass macht, auch mal ein Foto mehr zu belichten, ohne gleich arm zu werden.

Nachfolgend ein paar Beispiele, angefangen mit obigem Foto.

Original (Rollei 35 S, Kodak Gold 200)

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Farbtemperatur korrigiert (Rollei 35 S, Kodak Gold 200)

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Original (Rollei 35 S, Kodak Gold 200)

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Farbtemperatur korrigiert (Rollei 35 S, Kodak Gold 200)

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Original (Rollei 35 S, Kodak Gold 200)

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Farbtemperatur korrigiert und etwas aufgehellt (Rollei 35 S, Kodak Gold 200)

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Original (Minox 35 GT, Kodak Gold 200)

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Farbtemperatur korrigiert und Sättigung etwas erhöht (Minox 35 GT, Kodak Gold 200)

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Original (Minox 35 GT, Kodak Gold 200)

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Farbtemperatur korrigiert (Minox 35 GT, Kodak Gold 200)

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Original (Minox 35 GT, Kodak Gold 200)

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Farbtemperatur korrigiert (Minox 35 GT, Kodak Gold 200)

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ALLE FOTOS © 2019 BY JENS G.R. BENTHIEN

Das soll als Anschauung reichen. Die Unterschiede in der Anmutung sind deutlich. Dabei ist die Korrektur nur geringfügig ausgefallen: von 5.600° Kelvin auf 6.100° K respektive 6.200° K und der Warmton (=Rot/Gelb Stich) ist weg.

Wie gesagt, das geht nur mit Photoline, nicht mit Photoshop oder Affinity Photo. Photoline hat eine Funktion mit exakt definierten Gradwerten, die beiden anderen stochern im Nebel und die Farbkorrektur hängt vom Bearbeiter und seiner Tagesform oder Farbfehlsichtigkeit ab.

Die gute Nachricht: Ich habe gestern herausgefunden, dass es noch den Fuji C200 Negativfilm für KB gibt, der wesentlich neutraler als der Kodak ist. Ist klar, was ich morgen machen werden, oder? Klar, 5 Stück davon kaufen und damit fotografieren.

Warum beschäftige ich mich so intensiv mit diesem Thema? Nun, ich bin mit Film und »einfach zu handhabenden« Kameras gross geworden, ich brauche keine Programme und will kein 700 Seiten Handbuch lesen, bevor ich einmal den Auslöser drücke.

Ausserdem habe ich festgestellt, dass sich niemand aufregt, wenn ich mit den kleinen Kameras (Präzisionswerkzeugen!) fotografiere, nach dem Motto: “Hey Sie da, was machen Sie da?” Oder: “Sie dürfen hier nicht fotografieren!” Oder: “Was fällt Ihnen ein, mich zu fotografieren.” Oder: “Sie haben mein Kind fotografiert, ich hole die Polizei!” Alles und noch viel mehr schon selbst erlebt.

Es ist absurd, dass die Menschen eine so kleine Kamera als Spielzeug und nicht als vollwertigen »Fotoapparat« ansehen, gegen »Handyknipser« nichts haben, aber sofort ausrasten, wenn ich mit einer grösseren Kamera und entsprechendem Objektiv Aufnahmen mache.

Aber auch mit einem anderen Vorzeichen funktioniert das Spiel: Komme ich mit einer der kleinen Kameras an, heisst es: “Wollen Sie uns auf den Arm nehmen, das ist doch eine Amateurkamera, damit können Sie doch keine vernünftigen Fotos machen!” Doch, kann ich, weil ich es kann.

Damit bestätigt sich immer wieder: Die meisten Menschen sind strunzdumm.

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