Scharf.Macher.

Es gibt Menschen, die sich alle halbe Jahr die neueste Digicam kaufen. Dazu dann ein hochlichtstarkes Objektiv, wie zum Beispiel ein 1.4/40mm mit einem Eigengewicht von rund 1,2 Kilogramm (!). Es dauert gewöhnlich nur ein paar Tage, bis sie in irgendeinem Forum aufploppen und sich über die Kamera und/oder das Objekt beschweren, weil es nicht richtig scharf stellen würde. Entweder erkennen sie einen ‘Backfocus’ (nein, hat nichts mit Backen oder Bäckerei zu tun), oder einen ‘Frontfokus’ (nein, hat nichts mit der Front im Krieg zu tun, obwohl in den meisten Foren so eine Art Glaubenskrieg herrscht).

Diese Leutchen (‘Edel-Amateure’!) haben keine Ahnung von Fotografie. Sie erwarten, dass die Präzision im Sub-Millimeter-Bereich liegt – immer. Es leuchtet ihnen nicht ein, dass eine grosse Blendenöffnung eine hauchdünne Schärfentiefe produziert. Weil sie es nicht schaffen, nur die Wimpern einer Person scharf abzubilden, wird die Marke an den Pranger gestellt und ohne Ende gemeckert, denn schliesslich haben sie dafür so richtig tief in die Tasche greifen müssen. Natürlich wird eigenes Versagen oder Unwissenheit vehement ausgeschlossen, ist klar, oder?

Wenn man diese Leute fragt, weshalb sie sich für das Objektiv entschieden hätten, kommen haufenweise falsche Antworten: Man könne damit besser in der Dämmerung fotografieren, man könne damit besser Objekte freistellen, die Bestleistung erhält man schon mit Blende f=2.0, gutes ‘Bokeh’, als ‘Profi’ braucht man(n) so etwas, etc.

Alles 100% nonsense. Die Blende ist zwar ein wichtiges Element für die Bildgestaltung (ebenso wie die Verschlusszeit), aber man sollte schon wissen, wie man sie kreativ einsetzt. Um es mit den Worten meines Mentors vor fast 40 Jahren auszudrücken: So genau scheisst kein Pferd. Uns allen war klar, was er damit meinte: Obwohl wir mit Grossformatkameras gearbeitet hatten, deren Schärfebereich noch dünner war, konnten wir mit einer entsprechenden Blende die Schärfentiefe recht grosszügig definieren. Nur haben wir das nie mit offener Blende gemacht, weil es damals noch keine Foto-Foren gab, in denen die ‘Offenblenden-Sau’ durchs Dorf getrieben wurde.

Ein Beispiel: Ein 1.4/85mm ‘Portrait-Tele’ hat bei f=1.4 und einer Distanz von 200 cm eine Schärfentiefe von 44,5 mm – grade ausreichend, um eine Nase scharf abzubilden. Bei f=5,6 sind es grade mal 178,5 mm – immer noch nicht ausreichend, um einen Kopf komplett scharf abzubilden. Eine leichte Bewegung bei der Aufnahme, und schon liegt der Schärfebereich an einer anderen Stelle – trotz AF mit 256 oder mehr Messpunkten.

Sehen wir uns mal eine ‘alte’ Kamera und deren Objektiv an. Dort hatten die Objektivkonstrukteure dafür gesorgt, dass oben eine Schärfenskala eingraviert wurde. Das war so simpel, dass es immer funktionierte.

Beispiel A: Ein 1.4/50mm Nikon Ai auf f=8.0 eingestellt, der Schärfebereich geht von 5 Meter bis Unendlich, die grösste Schärfe liegt bei 10 Metern. Unter Blende 4.0 haben die Konstrukteure bereits auf die Angaben eines Schärfebereichs verzichtet, weil es keinen Sinn macht(e).

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Beispiel B: Die Rollei 35S mit dem 2.8/40mm auf f=11 eingestellt, der Schärfebereich reicht von ~4.5 Meter bis Unendlich. Zwischen 6 Metern und Unendlich wurde auf weitere Angaben verzichtet, weil das 40er über ausreichend Schärfentiefe verfügt (leger ausgedrückt). Wenn man sich die Markierungen der Entfernungsangaben in Relation zu den Blendenwerten ansieht, wird klar, dass eine grössere Blende als f=4.0 keinen Sinn mehr macht. Welchen Sinn ergibt dann ein f=1.4 in diesem Brennweitenbereich? Eben.

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FOTOS © 2018 BY JENS G.R. BENTHIEN

Mit diesen Markierungen wurden alle Fotos scharf, weil man bereits vor dem Auslösen  sehen konnte, wie gross der Schärfebereich sein wird. Diese Markierungen gibt es – ausser bei Fuji – auf keinen modernen KB-Objektiven mehr, weil der AF ja soooo viel besser und präziser ist. Dass er dann häufiger in der ‘Backstube’ oder an der ‘Kriegsfront’ landet, ist halt ein Kollateralschaden, eine kleine Unzulänglichkeit, die der geneigte Käufer dieser Edelstücke doch bitteschön stillschweigend in Kauf nehmen sollte. Ist doch sein Problem, wenn er mit f=1.4 knipst und nicht weiss, was er macht, oder?

Übrigens hatte die alte Nikkormat FT3 ebenfalls eine Belichtungsanzeige auf der oberen Kameraplatte, was ungemein praktisch ist, wenn man im Vorfeld die Belichtung einstellen will. Aber das war damals schon eine Kamera, über die sehr abfällig in den – inzwischen glücklicherweise nicht mehr existierenden – Fotomagazinen geschrieben wurde.

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FOTO © 2018 BY JENS G.R. BENTHIEN

Rollei 35S, Kodak Portra 160. Einfach scharf. Aber es sind ja auch keine Wimpern im Bild…

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