Farben.Spiel.

Ich hatte in dem Artikel Rück.Schritt. über den Standard von Diafilm geschrieben. Gleiches gilt natürlich auch für Negativfilme. Es wird zwar immer wieder behauptet, dass ein Negativfilm nicht zu kalibrieren oder profilieren sei, aber das ist Unsinn.

Die orange Maskierung ist kein Problem, denn die kann man bei der Digitalisierung herausrechnen (lassen). Jeder vernünftige Filmscanner mit entsprechender Software sollte dazu in der Lage sein.

Somit habe ich auch mit einem Portra 160, Fuji Pro 160 NS, Kodak Gold 200, Portra 400 oder Fuji Pro 400H ebenfalls einen Standard, den ich in jedem zertifizierten Fach-Labor der Welt im C41-Prozess entwickeln lassen kann. Die Billig-Entwicklungen über die Drogeriemärkte sind in dem Fall natürlich ein absolutes no-go, ist klar, oder?

Es gibt für Unix-Systeme das Argyll Color Management System, mit dem man einen Film profilieren kann, für den Mac gibt es den roughProfiler. Eine Alternative ist VueScan, das es erlaubt, die Maskenfarbe von einem Stück unbelichteten Film auszulesen und diesen Wert als Korrekturfaktor verwendet. Bei Kleinbild nimmt man einfach ein unbelichtetes Bild vom Filmanfang oder lässt am Ende eins frei. Bei grösseren Formaten reicht es, ein 8×8 mm ‚Patch‘ aus dem Steg zwischen zwei Bildern zu nehmen.

Für die Maskierung werden dann beispielsweise folgende Korrekturwerte ermittelt:

  • Film Base Color Red: 0.959
  • Film Base Color Green: 0.896
  • Film Base Color Blue: 0.692

Die Komplementärfarbe zu Orange ist Blau, somit ist klar, dass der Blauwert entsprechend korrigiert wird.

Dass ein Negativfilm trotzdem eine andere Charakteristik hat, liegt auf der Hand, denn der Tonwertumfang ist ungleich grösser als der eines Diafilms (14 bis 16 EV zu 5-7 EV). Und ja, selbst wenn alles richtig gemacht wurde, kann man noch einen Weissabgleich in der Bildbearbeitung machen, nur: Jedes Programm macht das anders, d.h. es gibt bereits an dieser Stelle keinen Standard mehr, wenn man meint, mit der EBV alles verbessern zu können. Ein Sonnenuntergang mit Weissabgleich auf einen Weisspunkt sieht daher recht bescheiden aus. Gleiches bei Modeaufnahmen ist schon wieder eine ganz andere Geschichte, jedoch sollte man sich hier auf den Wert verlassen, den das Scan-Programm liefert, um vergleichbare Resultate zu erhalten. Das Scan-Programm ist näher dran am Original (=Negativ) als die ‚beste‘ Bildbearbeitung es jemals sein kann.

Kompliziert? Nein, nicht wenn man beherzigt, nicht an allen Reglern drehen zu wollen (müssen).

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FOTOS © 2018 BY JENS G.R. BENTHIEN

Eisenbahner-Häuschen am Bahnhof Ottersberg im Frühjahr 2018 am frühen Vormittag. Kodak Gold 200, Minox 35 GT, C41-Entwicklung, Digitalisierung mit Nikon LS 9000 @ 4.000 ppi @16/48 bit Farbtiefe.

Das obere Bild wurde ohne, das mittlere mit der Korrektur der Maskierung digitalisiert. Ganz deutlich zu sehen ist der differenziertere Schattenbereich (links im unteren Bereich der Bäume, rechts auf dem Balkon des Hauses im Hintergrund und in den Fensterflächen). Das obere Bild ist für Displays ok, würde aber beim Druck schon zu dunkel werden, das mittlere ist im Druck perfekt. Auch wenn man es nicht sieht: Es hat einen 100%igen Schwarzpunkt und einen Weisspunkt von 99.998%. 

Da Negativfilm so gut wie nicht überbelichtet werden kann (ok, von mutwilligen Ausnahmen abgesehen) und Reserven von bis zu +3 EV im Normwert aufweist, wird es keine ‚ausgefressenen‘ Lichter geben. Man kann also mit dem Korrekturwert einen kompletten Film (oder eine ganze Charge aus dem gleichen Labor vom gleichen Tag) digitalisieren, ohne den Korrekturwert ändern oder neue Weiss- & Schwarzpunkte setzen zu müssen.

Das mittlere und untere Bild wurde ausserdem mit einer speziellen Glasbühne plan gehalten, so dass es keine Filmwölbung und somit Unschärfebereiche gibt – das ist auch der Grund für den etwas anderen Bildausschnitt. Es ist näher an der Realität mit dem zarten Frühlingsgrün und der Farbe des Gebäudes in dem diffusen Morgenlicht dran als die Simpel-Version. Im Prinzip also natürliche Farben ohne digitalen und trendigen Geschmacksverstärker 🙂

Bei dem unteren Bild habe ich noch leicht den Kontrast angehoben, was bei dem grossen Tonwertumfang kein Problem darstellt und es auf nicht kalibrierten Displays besser aussehen lässt.

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