Rück.Schritt.

Aus gegebenem Anlass (photokina 2018) gehe ich mal ein paar Jahre zurück. Sagen wir mal 34 Jahre, ins Jahr 1984. Eine Zeit, in der es das (Un)Wort ‚Digital‘ noch nicht gab. Damals hiess es einfach ‚Fotografie‘. Man stritt darüber, ob es nicht korrekter Weise ‚Photographie‘ heissen sollte, daher gab es auch Hybridformen wie ‚Fotographie‘ oder ‚Photografie‘ aus dem Lager der Möchtegern-Elitären. Ganz grausame Sprachverbrechen!

Bleiben wir bei der Fotografie (in korrekter und logischer deutscher Schreibweise). In dem Jahr waren auf der photokina kompakte 35mm-Sucherkameras, Mittelformatkameras, DX-Codierung, neue Objektive und höchstempfindliche Filme die absoluten Renner im Amateurbereich.

Es war also die Dekade der Minox 35, der Rollei 35, Olympus, kurz – der Sucherkameras. Mit Spiegelreflex hatte man es noch nicht so sehr, weil man es nicht nötig hatte, mit einer Schwanzverlängerung anzugeben, denn die Anschaffungen für die Familie waren wichtiger als mit einer teuren Fotoausrüstung verhunzte Knipsbildchen in einem Forum zu verbreiten (die gab es damals zum Glück auch noch nicht).

Leica hiess noch Leitz und hatte wunderschöne Kameras mit normalen Preisschildern, weil die Dreistigkeit noch nicht um sich gegriffen hatte.

Das war auch das Jahr, in dem meine Arca Swiss gebaut wurde. Eine Zeit also, in der es noch solide Mechanik für das Geld gab.

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FOTO © 2018 BY JENS G.R. BENTHIEN

Die Batterien der Amateur- & Profikameras hielten zwischen 3 und 5 Jahren. EINE einzige Zwergen-Batterie oder auch Knopfzelle reichte aus, ohne Nachladen. Würde man täglich einen Film á 36 Aufnahmen damit belichten, könnte man mit einer Batterie 52.560 Aufnahmen machen (bei 4 Jahren Nutzungsdauer). Genial, was? Diese Batterie kostet zur Zeit rund 3 Euro.

Ein neuer Akku für meine Nikon liegt bei 70 Euro und hält maximal 3 Jahre. Da ich immer zwei brauche (nix da, keine 330 Aufnahmen am Tag, aber sobald der Schalter auf ON steht, saugt das Teil Strom, und ich brauche viel Zeit am Sucher, und der AF und der Stabi scheinen auch tierisch Kapazität zu nuckeln), wird das teuer. Wenn ich dann 30 oder 40 Aufnahmen habe, geht das Display aus, einfach so. Sind also 140 Euro für einen Satz Batterien (ich muss grade einen neuen Satz kaufen).

Und: Die Zeit, um die Bilddaten auf das Speichermedium zu schreiben, lag selbst bei einfachsten Kameras bei exakt 0,00 sec. Das Einschalten hat eine Verzögerung von 0,00 sec. Das Auslösen hat eine Verzögerung von 0,00 sec. Als Sahnehäubchen gab es noch einen Drahtauslöser-Anschluss. Ja, ich weiss, die Digis kann man per App auslösen, aber wenn da der Akku leer ist, ist Sense. Ein mit Ballistol geölter Drahtauslöser – ggf. noch mit Feststeller – läuft immer: von – 30° C bis + 50° C, von 10% bis 100% relativer Luftfeuchtigkeit.

Mechanik kann man reparieren, ggf. neue Teile anfertigen und einbauen. Digital kann man nur Bauteile tauschen, die aber – wie im Fall meiner Nikon – nach 4 Jahren nicht mehr verfügbar sind, sondern aus Japsland geliefert werden müssen. Nach 6 Jahren weiss niemand mehr, wie man die Dinger zerlegen muss, weil es bereits die 12. Neugeneration gibt und sich niemand um den Schrott von gestern kümmern will oder kann (Vergesslichkeits-Faktor), denn der bringt kein Geld mehr.

Ausserdem setzt die neue Digital-Kamera-Generation den Konverter ABC Version 24.1.9 voraus, der das Betriebssystem XYZ Version 12.1 voraussetzt. Da ich aber noch bei Version KLM Version 2.7 bin, muss ein neuer Rechner her, nur das dafür erforderliche Einkommen fehlt effektiv. Der Vorteil von filmbasierter Fotografie: Film kann ich ins Labor geben, das mir auch gern Prints fertigt. Ohne Rechner, ohne stundenlang an Reglern fummeln zu müssen.

Ferner lösten und lösen die kleinen Kameras fast geräuschlos aus – ein Feature, das erst jetzt mit den neuen ’Mirrorless’ und elektronischem Verschluss auf den Markt kommt – rund 20 Jahre, nachdem Millionen Käufer von Digitalkameras mit hohen Preisen für wenig Leistung abgelascht wurden.

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FOTO © 2018 BY JENS G.R. BENTHIEN

Minox 35 GT, Kodak Ektachrome 100, Entfernungsmesser war eine Visitenkarte nach dem Triangulationsprinzip, Entwicklung Fotolabor Görner, Digitalisierung mit Nikon LS 9000 @ 4.000 ppi @ 16/48 bit Farbtiefe, keine Nachbearbeitung, nur Verkleinerung. Für einen Digitalfotografen eine kaum machbare Aufnahme, weil er zu der Tageszeit neben seiner Knips am Küchentisch sitzt und sein Abendessen einwirft oder dem Glotzofon frönt um die unerträgliche Tagessau (kein Schreibfehler) zu beglotzen.

2 Dekaden lang wurden die Kunden für dumm verkauft. Mit angeblichem Fortschritt und angeblich zukunftsweisenden Technologien. In Wirklichkeit waren das 2 Dekaden Rückschritt: Winzige Sensörchen, kleine Tunnel-Sucher mit winzigen Vergrösserungsfaktoren, notgeil kleiner Tonwertumfang, lausige Akkus… Kurz: Die Käufer waren Versuchskaninchen und Sponsoren der Entwicklungsabteilungen. Wurde dann doch einmal eine neue Technologie entwickelt, wurde sie von der Industrie mit Salami-Taktik scheibchenweise zu exorbitanten Preisen auf den Markt gebracht. Die Kunden kauften, inzwischen angeheizt durch die zahlreichen Foto-Foren, wo jeder Likes sammeln wollte, als ob es Geld dafür gäbe. Gab es aber nicht, im Gegenteil: Die Teilnehmer dieses Rattenrennens mussten immer mehr Geld ausgeben, um ‚auf der Höhe der Zeit‘ zu bleiben.

Das alles ist in meinen Augen ein Rückschritt. Wir werden für dumm verkauft, weil der Titel darüber lautet: Industrie 4.0 und Zukunft. Welche Zukunft bitte? Objektiv-Tuben aus Plastik – haben wir nicht schon mehr als genug Plastikmüll? Früher wurden die Teile aus Messing gezogen/gedreht und verchromt, waren somit feuchtigkeitsbeständig und hielten (und halten!) mehrere Dekaden.

Oder nehmen wir den eingebauten, künstlichen Horizont der modernen Digiknipsen mit bis zu 1° Toleranz. Na prima, meine kleine Präzisions-Libelle hat eine Abweichung von 20 Bogensekunden, und darüber rege ich mich schon tierisch auf. Im Senkrechtbetrieb (Objektiv nach unten) schaltet der künstliche Horizont ab, weil der das nicht kann, wogegen die Libelle dann immer noch funktioniert.

Und dann diese Glasklötze im Kunststoffmantel: Schauen Sie sich  mal das neue Sigma 40mm F1.4 DG HSM | Art (stellvertretend für alle anderen Anbieter) an:

https://www.photoscala.de/2018/09/25/sigma-bringt-fuenf-neue-objektive/

Mein Rollei hat auch 40 mm Brennweite, braucht keine Objektivkorrektur in der ‚Postproduction‘, und ist bereits bei Offenblende perfekt. Die ganze Rollei 35S **mit** Objektiv (345 Gramm) passt einfach in eine Jackentasche oder mehrfach in den bescheuerte Glasklotz von heute (1.200 Gramm) <seufz>.

Ausserdem löst sie fast geräuschlos aus – ein ‚Feature‘, das erst jetzt mit den neuen ’Mirrorless’ und elektronischem Verschluss auf den Markt kommt. Also wieder einmal alter Wein in neuen Schläuchen, oder heisse Luft für den Hype.

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FOTO © 2018 BY JENS G.R. BENTHIEN

Minox 35 GT, Kodak Gold 200, Entfernungsmesser MEDIS, Entwicklung Fotolabor Görner, Digitalisierung mit Nikon LS 9000 @ 4.000 ppi @ 16/48 bit Farbtiefe, keine Nachbearbeitung, nur Verkleinerung.

Das war aber noch nicht alles. Es folgte ein langer Rattenschwanz an erforderlichen Zusatz-Investitionen für Rechner, Software, ggf. Drucker, deren Haltbarkeitszyklen eher gen 6 Monaten als 6 Jahren tendierten.

Meine Kameras aus der Zeit arbeiten heute immer noch. Ab und an mal eine Wartung, eine neue Knopfzelle, das war es. 34 Jahre. Wie lange wird meine DSLR durchhalten?

Und noch etwas, was ich sehr wichtig finde:

Wenn ich einen Fuji Provia 100F Diafilm oder einen Fuji Pro 160 NS oder einen Portra 160 Negativfilm (oder irgendeinen anderen Film, den es in verschiedenen Formaten gibt) nehme, habe ich den identischen ‚Sensor‘ für meine Rollei 35S, die Minox 35GT, die Fuji GW 690 III und GSW 690 III, die Plaubel und die Arca Swiss, den jedes zertifizierte Labor auf dieser Welt nach einem internationalen STANDARD entwickelt. Und ich habe jedes Mal einen Ursprung! Das kann Digital definitiv nicht bieten, da kocht jeder Hersteller sein eigenes Farb-Süppchen und überlässt den Rest den freien Interpretationen der nicht unbedingt fähigen Bediener des nicht standardisierten RAW-Konverters.

Sie merken schon: Fortschritt geht für mich anders als von der Foto-Industrie gewünscht. Und mein Fortschritt sieht richtig gut aus:

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FOTO © 2018 BY JENS G.R. BENTHIEN

Rollei 35S, Kodak Gold 200, Entfernungsmesser Watameter II, Entwicklung Fotolabor Görner, Digitalisierung mit Nikon LS 9000 @ 4.000 ppi @ 16/48 bit Farbtiefe, keine Nachbearbeitung, nur Ausschnitt und Verkleinerung.

Allein mit den Farben der Pfingstrose hätten die meisten Digitalkameras grosse Probleme. Kaum eine wäre in der Lage, diese Farbe naturgetreu abzubilden, kein Konverter kann sie problemlos in ein sauberes TIFF umwandeln. Purpur und Neonfarben sind eine echte Herausforderung für Sensoren und Konverter. Glauben Sie nicht? Dann machen Sie mal eine Aufnahme von Neonröhren in einer Disko oder von einer Fassaden-Deko und reiben sich anschliessend die Augen, was dabei herauskommt.

Hat jemand Adobe gesagt? Vergessen Sie es. Die haben auch nur einen Möchtegern-Industrie-Standard, oder können Sie mir eine DIN oder UL Norm zeigen, in der das geschrieben steht?

Zum Schluss noch etwas Entspannung. Das Video bringt es auf den Punkt, weshalb ich vom angeblichen Fortschritt und Sensoren nicht viel halte:

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