Farb.Verschiebung.

[Update 2017-10-15] [Update 2017-11-21]

Eigentlich heisst der neue Hype ‘color grading’, auf Deutsch Farb-Korrektur. Nur meinen die Amerikaner mit Farb-Korrektur heutzutage nicht den Abgleich auf Normwerte, sondern auf Falschfarben, um damit eine dramatische Wirkung zu erzielen oder die Bilder ‘poppen’ (ins Auge springen) zu lassen (‘make the images pop’).

Als ich vor 35 Jahren Industrie- und Dokumentarfilme mit richtigem 16mm und 35mm Film gedreht hatte, wurden die Filme in einem Kopierwerk entwickelt und sogenannte Klatschkopien gezogen, die wir zurückbekamen. Die kleinen Rollen wurden dann am Schneidetisch in Szenen geschnitten, und die Szenen miteinander mit einer Art Tesa-Streifen verbunden. Harte Schnitte (immer noch eine Kunst) wurden dann im Kopierwerk 1:1 übernommen, Überblendungen, die mit einem entsprechend langen Kreuz über eine bestimmte Anzahl von Einzelbildern auf den Szenen gekennzeichnet waren, wurden entsprechend aufwändig optisch eingefügt.

Dann kam der Farb- und Lichtausgleich, d.h. heute würde man sagen ein Weissabgleich, nur war das im Film ungleich aufwändiger, damit es nicht zu ungewollten Farbsprüngen zwischen den Szenen kam – immerhin arbeitete man zwar mit dem gleichen Filmtyp, aber unterschiedlich gegossenen Emulsionen, die sich in Nuancen unterscheiden konnten. Das Ziel war klar: Natürliche Farben.

Der Farb- & Lichtausgleich wurde von Spezialisten durchgeführt. Anschliessend wurde wieder eine Kopie gezogen, die wir kontrollierten, dann wurde die Tonspur bearbeitet, synchronisiert und in die Endkopie, das Master, mit einbelichtet.

Soweit zur Geschichte. Die Spezialisten für Farb- & Lichtausgleich gab es natürlich auch in Hollywood, und irgendwann fing jemand an, die Farben bewusst zu verändern, um einen düsteren Effekt zu generieren oder eine lichte Szene. Als Film durch Video und später durch digitale Kameras und digitale Nachbearbeitung verdrängt wurde, brachen die Dämme und es wurden Farben bis ins Extrem verschoben. Es wurden Drehbücher extra für die Farbwirkung einzelner Szenen geschrieben… Man denke nur an Matrix oder viele andere Filme, die diese Technik bis zum Exzess ausreizten. Die Umgebung blau bis blaugrün, die Gesichter leicht orange – images popped!

Inzwischen hat color grading auch die Fotografie erreicht und wird zum Hype, nach dem Motto: je weiter weg von der Realität, desto besser. Der Trend wurde mit den Apps für Smartphones verbreitet, die man auf Instagram postete. Quietschbunt musste es sein. Die  Mainstream-Medien zogen nach, ebenso die Druckerhersteller, die Algorithmen entwickelten, die automatisch die Farbsättigung erhöhten (bei Canon-Druckern ganz schlimm!). Aber das war noch kalter Kaffee gegen color grading, wie es heute auf den Markt drängt.

Es ist schon absurd: Als die ersten Farbfernseher auf den Markt kamen, stellten viele Menschen die Farben sehr knallig ein, um zu zeigen, wie toll die Kiste war. Die Industrie war bemüht, die Prozesskette von der Herstellung der Filme bis zum TV zu optimieren, um möglichst natürliche Farben zu erhalten. Jetzt dreht sich das Rad – wieder einmal – in die böse Richtung der Falschfarben, ähnlich dem hässlichen Hype der HDR-Bilder (High Dynamic Range), weil die Digi-Knipsen der ersten Dekade nur einen lausig kleinen Tonwertumfang lieferten.

Inzwischen wurden die einschlägigen Programme mit der Technik ausgestattet: LUT und 3D LUT (LUT = Look Up Table). Man nimmt ein Bild, ändert die Farben, und exportiert die Einstellungen als 3D LUT, um dann die gleichen Einstellungen auf eine ganze Serie von Fotos automatisch anwenden zu können. Man kann das selbst machen, oder man kann auch LUT-Einstellungen bei den berüchtigten Quellen kaufen, wenn man dabei sein will, aber nicht weiss, wie es geht.

Was ich von diesen Verschlimmbesserungen halte, ist klar, oder? Eben, deshalb hier mal ein Beispiel:

_DSC6513_02_blog

_DSC6513_02_color_grade_blog

Oben: Natürliche Farben. Unten: Sehr dezentes color grading.

Jetzt wird es ganz bitter – das gleiche Foto wie das erste, jedoch mit einem speziell (nicht von mir!) entwickelten 3D LUT namens ‘Technicolor’:

_DSC6513_02_technicolor_blog

FOTOS © 2017 BY JENS G.R. BENTHIEN

Wer solche LUTs entwickelt, hat noch nie einen echten Technicolor-Film im Kino gesehen. Oder er/sie hat einen gewaltigen Farbfehler in den Augen (nein, im Hirn!). Damit macht man bleiche Norddeutsche zu knalligen Kaliforniern, oder wie?

Noch zwei Beispiele, als erste die Normalversion:

_DSC5700_normal_blog

Es folgt ein ‘teal/orange’ 3D LUT:

_DSC5700_tealorange_blog

Ganz herbe: Das ‘Aspen LUT’

_DSC5700_aspen_blog

Ich weiss nicht, ob Sie Ihren Monitor kalibriert haben, wenn ja, werden Ihnen spätestens beim letzten Bild die Augen schmerzen. Mit ‘pop’ hat das nichts mehr zu tun, das ist schlimmer als eine versalzene oder mit einem ganz besonders bösen Maggi Fix angereicherte Suppe…

Grade eben gefunden: Jetzt gibt es schon Anleitungen (‘tutorials’), wie man seine Fotos ‘professionell’ verunstalten kann/muss, wenn man im Trend sein will:

https://fstoppers.com/education/quick-and-easy-orange-and-teal-look-lightroom-204459

Achtung: Mindestens 2 Kotztüten bereithalten!

Color grading beruht auf dem Fakt, dass wir Komplementärfarben stärker und intensiver wahrnehmen, daher wird viel mit blau/grün und rot/gelb (=orange) gearbeitet. Die Amerikaner nennen das inzwischen ‘teal/orange look’. Aha.

Wenn einem die Realität zu langweilig wird, weil man vergessen hat, wie Sehen funktioniert, spielt man Gott und biegt sich seine eigene Realität mit Reglern oder LUT zurecht. Dazu fällt mir grade der Spruch von Anaïs Nin ein:

“We do not see things the way they are. We see things the way we are.” 

Meine Wette: Gäbe es den ganzen Quark nicht, und gäbe es die digitale Nachbearbeitung nicht, wären 99,999% der Bilder auf der Welt irgendwo zwischen sterbenslangweilig bis total beschissen und würden höchstens vom Nichtkönnen des Urhebers zeugen. Aber leider können wir das Rad der Geschichte nicht anhalten.

Moment, doch, kann ich:

Wir befinden uns im Jahre 2017 n.Chr. Ganz Deutschland ist von den color gradern besetzt… Ganz Deutschland? Nein! Eine kleine Werkstatt von einem unbeugsamen Fotografen hört nicht auf, den Eindringlingen Widerstand zu leisten. Und das Leben ist nicht leicht für die color grader, die als Besatzung in den befestigten Lagern Bremen, Hamburg, München, Düsseldorf und Kleinbonum liegen…

Beim Teutates – am 19. Oktober 2017 erscheint der neue Band von Asterix und Obelix! Komplett ohne color grading!

Advertisements