Zweifach.Fuji.

Wie oft bin ich schon gefragt worden, was der Unterschied zwischen der Fuji GW 690 III Professional und der Fuji GSW 690 III Professional ist.

  • Die Fuji GW 690 III ist eine 6×9 Kamera mit dem EBC Fujinon 3.5/90 mm, entsprechend 40 mm bei Kleinbild
  • Die Fuji GSW 690 III ist eine 6×9 Kamera mit dem EBC Fujinon 5.6/65 mm, entsprechend 28 mm bei Kleinbild.

So weit die Technischen Daten. Und nein: es sind keine Plastik-Kameras, die Gehäuse sind aus Metall mit einer sehr griffigen Polycarbonat-Beschichtung. Das Gewicht liegt bei rund 1.600 Gramm ohne Film. Alle anderen Angaben aus dem Netz haben ihre Ursprünge in den Köpfen der Neider…

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Fuji GW 690 III

Böse Zungen haben irgendwo verbreitet, dass Fuji sich damals die Objektive bezahlen lassen und den Filmhalter als Geschenk mit in den Karton gepackt hat. Wie auch immer, die beiden Schwestern sind Präzisionsinstrumente. Dass sie mal für japanische Fotografen entwickelt wurden, um Bus-Touristen zu knipsen, ist ein Ammenmärchen, das immer wieder hervorgeholt wird. Fakt ist, dass diese Kameras bewusst ausserordentlich robust und zuverlässig konstruiert und gebaut wurden, und deshalb von Fotografen gekauft und eingesetzt wurden, die sich auf ihre Ausrüstung verlassen mussten.

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Fuji GSW 690 III

Da sie pure Präzisionsmechanik und absolut keine Elektronik haben, funktionieren sie bei minus 50° C ebenso gut wie bei plus 50° C, in absoluter Trockenheit und in Gegenden mit mörderischer Luftfeuchtigkeit. Ein externer Belichtungsmesser ist somit zwingend erforderlich. Ausserdem sollte man über ein stabiles Stativ verfügen, wenn man längere Belichtungszeiten umsetzen will.

Der Mess-Sucher basiert auf einem ausgefeilten trigonometrischen Prinzip, ist hell und klar und zeigt auch Dinge ausserhalb des Aufnahmeformats respektive Leuchtrahmens.

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Fuji GW 690 III

Perfekt ist der Zentralverschluss mit der kürzesten Zeit von 1/500 Sekunde. Die längste Verschlusszeit ist 1 Sekunde sowie T für Zeitaufnahmen. Im Boden ist ein Zählwerk für die Anzahl der Auslösungen, es gibt einen Blitzschuh (der hervorragend für einen Pocket Wizard oder Elinchrom Skyport geeignet ist!) und einen sogenannten PC Anschluss, der nichts mit einem Rechner zu tun hat, sondern in den sich ein Synchronkabel stecken oder schrauben lässt.

Die Kameras haben zwei Auslöser. Einen oben in der Achse des Spannhebels, der ein Gewinde für einen normalen Drahtauslöser hat, sowie einen an der Vorderseite. Beide Auslöser lassen sich mit einem Hebel sicher sperren.

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Die Bodengruppe mit Zählwerk ist bei beiden Kameras identisch

Der Bildtransport erfolgt mit ca. 1,5 Hebelbewegungen, wobei auch gleichzeitig der Verschluss wieder gespannt wird. Mit einem 120er Film macht sie 8 Aufnahmen, mit einem 220er Film (gibt es kaum noch) 16 Aufnahmen. Man konnte sogar halbe Filme mit 4 Aufnahmen, die es nur in Japan gab, damit belichten, wenn man den Zählwerk-Schalter verstellte.

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Von hinten sind beide Kameras identisch

Eine eingebaute Wasserwaage oberhalb des Suchers war Gold wert, um die Kamera horizontal auszurichten. In dieser Aufnahme ist noch ein ‚Cold Shoe‘ mit einer weiteren Libelle eingesetzt worden, um auch die vertikale Ausrichtung grob zu vereinfachen (sonderlich präzise sind die Dinger nicht).

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Fuji GSW 690 III

Blende und Verschluss wurden am Objektiv eingestellt, nachdem die Gegenlichtblende ausgezogen war. Der Clou: Einmal eingestellt, kann man beide Ringe synchron verstellen, um bei gleichbleibender EV (Belichtung) mit unterschiedlichen Werten arbeiten zu können.

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Das Innenleben beider Kameras ist identisch

Von der Nikon F4s wurde erzählt, dass man damit Nägel in die Wand schlagen konnte (kann ich bestätigen, wenn man einen Adapter unter die Kamera geschraubt hat). Aber die Nikon war im Gegensatz zu den Fujis noch ein Leichtgewicht…

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Fuji GSW 690 III

Die meisten Amateure der heutigen Zeit gähnen nur müde und faseln irgendetwas von ‚Dafür 2 verschiedene Kameras?‘, ‚Wie, kein Wechselobjektiv?‘ oder ‚So ein Unsinn‘. Nun ja, Amateure halt, die kaum Ahnung von Fotografie haben, und noch viel weniger von Abbildungsleistung.

Die EBC Fujinone stammen von den Fuji Grossformatobjektiven und liegen Qualitativ auf gleicher Höhe wie Zeiss T, Schneider oder Rodenstock/Linos Objektive. Sie sind halt nur etwas schärfer, kontrastreicher, absolut verzeichnungs- und verzerrungsfrei und frei von chromatischer Aberration (Davon träumen heutige Fotografen immer noch, weil sie für viel Geld lausig gerechnete Objektive kaufen müssen, um die Aufnahmen später durch mit Algorithmen überfrachtete Software jagen zu müssen, um überhaupt ein einigermassen sauberes Foto zu bekommen).

Abgesehen von den verschiedenen gestalterischen Möglichkeiten sehen die unterschiedlichen Bildwinkel so aus:

Fuji GSW 690 III Professional

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(Café Varadero) Fuji GSW 690 III, Fuji Provia 100F, Stativ, Scan @4.000 ppi @48bit Farbtiefe, Bildgrösse 12.916 x 8.611 pixel, keine Nachbearbeitung

Fuji GW 690 III Professional

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(Café Varadero) Fuji GW 690 III, Fuji Provia 100F, Stativ, Scan @4.000 ppi @48bit Farbtiefe, Bildgrösse 12.858 x 8.674 pixel, keine Nachbearbeitung

Fuji GW 690 III Professional

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(Islas Malgrat) Fuji GW 690 III, Fuji Provia 100F, Stativ, Scan @4000 ppi @48bit Farbtiefe, Bildgrösse 12.839 x 8.550 pixel, Schatten im unteren Bereich leicht angehoben
ALLE FOTOS © 2017 BY JENS G.R. BENTHIEN

Mit fortschreitender Dämmerung wurde leider auch die relative Luftfeuchte höher, wie man auf der zweiten Aufnahme des Café Varadero sehen kann. Das ist ein Nachteil der Insellagen im Mittelmeer.

Das letzte Foto profitiert von dem Dunst, der die Landzunge im Hintergrund etwas abdunkelt und damit die Dreidimensionalität erhöht. Das Dia auf dem Leuchttisch oder als Grossformatdruck ist atemberaubend. Und nein, es ist nicht aus einem Flieger heraus gemacht – ich habe allen Mut zusammengenommen und an der Kante eines recht hohen Felsens gestanden. 

Vergrösserungen oder modern ausgedrückt ‚Prints‘ bis zu 180 x 120 cm sind kein Problem, nicht einmal, wenn man sie aus einem normalen Lese-Abstand betrachtet.

Übrigens werden die Fujis gern ‚Texas-Leica‘ genannt, weil sie ähnlich wie eine Leica aussehen und nach dem gleichen Prinzip funktionieren. Oder liebevoll ‚Ziegelstein‘, was einleuchtend ist, wenn man sie neben einer Vollformat-DSLR sieht (links die GSW, rechts die GW, in der Mitte die ‚Vollformat‘-Digi-Knips):

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FOTO © 2017 BY JENS G.R. BENTHIEN

Es laufen viele angebliche Fotografen durch die Welt, die behaupten, dass eine Anfangsöffnung von f/5.6 oder f/3.5 nicht mehr zeitgemäss sei. Das ist falsch, denn bezogen auf das KB-Format muss man den Wert der grössten Blendenöffnung bei dem Format 6×9 (immerhin ½ Grossformat) durch den Faktor 3 Teilen, um einen identischen Effekt der dünnen Schärfentiefe zu erreichen. Bei der GSW hiesse das, man müsste ein f 1.8/28 mm einsetzen, bei der GW ein f 1.1/40 mm. Bei diesen Werten sind die Objektive für die Mini-Kameras erst in im Jahr 2017 angekommen und werden dafür gehypt, weil man damit angeblich einen Mittelformat-Look zaubern kann. Kann man nicht, weil schlicht und ergreifend die Auflösung im Detail fehlt.

Da die Schärfentiefe extrem dünn ist, lag die Entscheidung für ein Mess-Sucher-System nahe, denn ein präzises und punktgenaues Fokussieren auf einer Mattscheibe ist kaum möglich. Der Nachteil eines Mess-Suchers ist natürlich, dass man die Wirkung einer Abblendung nicht sehen kann – aber man kann sie sich gut vorstellen, wenn man länger mit den Systemen arbeitet.

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Fuji GW 690 III. Die dünne Schärfentiefe und der weiche Verlauf von Scharf zu Unscharf (Neudeutsch ‚Bokeh‘) ist eine Domäne der 6×9-Fujis.
FOTO © 2017 BY JENS G.R. BENTHIEN

Ein weiterer, von Möchtegern-Knipsern gern vorgebrachter Nachteil, ist, dass die Gegenlichtblende einen kleinen Teil des Sucherfelds abdeckt. Auch das ist ein unsinniges Argument, denn wenn die Kamera auf einem Stativ steht, wählt man mit dem Sucher nur den Bildausschnitt und fokussiert, den Rest hat man ohne Sucher bis zum Auslösen im Blick. Wenn dann der berühmte Hund unten rechts in die Szene läuft, sieht man das.

Dass diese Systeme nichts für Knipser sind, die ‚mal eben‘ (geht daneben) ein paar Aufnahmen ’schiessen‘ wollen, liegt auf der Hand. Der Einsatzzweck sind keine Reportagen, Eventknips-Reihen oder Sportfotografie, es sei denn, man weiss, was man will. Nach 8 Aufnahmen ist Schluss – kein Dauerfeuer, kein AF, keine 256 Messpunkte. Dafür liefern Systeme dieser Art – richtig eingesetzt – atemberaubende Aufnahmen, die man nicht auf einem Display, sondern im Grossformatdruck an der Wand oder in hochwertigen Druckerzeugnissen geniessen will.

Da es zu viele hirnlose Spacken gibt, die Fotos klauen, habe ich mir erlaubt, die Kamera-Fotos mit einem Wasserzeichen zu versehen.

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