Meister.Werke.

[Update am 2017-04-07] Hier werden sie hergestellt, die Meisterwerke der letzten und ältesten meistergeführten Sortimentsbuchbinderei im Raum Bremen (von der holländischen Grenze bis vor die Tore Hamburgs!):

In der Buchbinderei Focken e.K. in Bremen (Telefon 0421 – 45 26 11).

Dass dazu ein paar Maschinen erforderlich sind, ist den wenigsten Menschen klar. Die meisten assoziieren mit Buchbinderei Künstler, die ein paar Bücher machen und später auf Gewerbeschauen verkaufen.

Das ist definitiv falsch. Eine richtige Buchbinderei fertigt Kunstwerke, Sonder- & Einzelstücke sowie Kleinstauflagen – auf immer gleich hohem, handwerklichen Niveau, jederzeit reproduzierbar. Dass da oftmals sehr kreative Lösungen entstehen, versteht sich bei dem Jahrhunderte alten Handwerk von selbst.

Das Spektrum reicht von Gästebüchern, Alben, Familienchroniken, Dokumentationen und  dem Binden von Fachzeitschriften über Bachelor- & Masterarbeiten bis hin zu Kassetten, Schubern, Schachteln und Speisekarten.

Stellen Sie sich einmal vor, Sie würden statt einer Bildergalerie bei flickr für Ihre Kinder die besten Fotos auf säurefreiem Papier drucken und zu einem Buch binden lassen. Ihre Kinder würden sich jetzt vielleicht noch nicht freuen, aber in 30 oder 50 Jahren, wenn es flickr nicht mehr gibt und ihre digitalen Bilderchen sich in Wolken aufgelöst haben.

Abgesehen davon ist ein Buch nicht nur ein optisches, sondern auch ein haptisches Erlebnis. Sie können es aufschlagen, lesen, die Bilder betrachten, ohne einen Computer starten, Software updaten und eine Internet-Verbindung haben zu müssen, nur um dann festzustellen, dass irgendein ‚Admin‘ ihre Daten gelöscht hat, weil Sie eine Rechnung nicht pünktlich bezahlt haben oder Ihre Kreditkarte am Tag der Abbuchung mit einem Euro im Minus war.

Ein Buch hat nach wie vor einen Wert. Das mag im Zeitalter der iPad- und Eierföhn-Generation anachronistisch, alt und antiquiert klingen, es ist aber so.

Zurück zum Thema: Stellen Sie sich einmal vor, Sie würden ihr liebstes Paperback von einer Buchbinderei hochwertig neu binden lassen, mit Prägung, einer Widmungsseite dazu, evtl. ein paar Negativen oder handschriftlichen Notizen. Ich habe es getan und kann nur sagen: Das ist ein Erlebnis und macht Freude.

Während der letzten Wochen durfte ich ein paar Eindrücke in der über 100 m² grossen Werkstatt festhalten.

Die Buchbindemeisterin mit der ältesten Innungslade Deutschlands:

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Die grosse Buchpresse:

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Die letzte voll funktionstüchtige Fadenheftmaschine im Grossraum Bremen, Baujahr 1965 – älter als die Inhaberin:

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Warum braucht ein Buchbinder eine Fadenheftmaschine? Ganz einfach: Weil Bücher mit Fadenheftung nicht zerfleddern, die Seiten sich nicht aus der Verklebung lösen können. Wer also lange Freude an seinen Büchern haben möchte, die häufig in die Hand genommen und in denen häufig geblättert wird, sollte ganz direkt danach fragen. Die modernen Klebebindungen halten selten länger als die Platzierung auf der Bestsellerliste…

Diese Maschine läuft rein mechanisch und wird über Steuerkurven, Stangen und Hebel präzise wie ein Uhrwerk bewegt. Sie ist ein Wunderwerk deutscher Maschinenbauingenieure, das den Qualitätsanspruch ‚Made in Germany‘ begründet hat. Im Bild unten ist die Antriebswelle mit der Metallscheibe und den Steuerkurven für die komplexen Heftvorgänge zu sehen:

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Bücher für die Reparatur (nicht Restauration, das ist ein anderer Beruf). Diese hier haben eine ganz besondere, aus Papier handgefertigte Mechanik: Einen Sprungrücken. Sie schlagen grundsätzlich plan auf, egal, an welcher Stelle man sie aufschlägt.

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Fachzeitschriften vor dem Schneiden in neue Buchblöcke zum Lumbecken/Klebebinden:

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Die 1,5 tons Schneidemaschine mit geschnittenen Blöcken für die Weiterverarbeitung im Vordergrund:

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Eine grosse Pappschere mit einer weiteren Buchpresse und Deckenmaterial rechts und in den Fächern, von der Decke hängend Lederfelle vorn und in dem Seitenraum diverse Schriftschränke:

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Material für die Einbände – Gewebe, Papier, Pergament, Leder, Kunststoff:

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Der Anschlagwinkel der Pappschere:

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Die Verstellmechanik der Pappschere:

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Die Einschlagmaschine:

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Einer von vielen Schriftschränken mit originalen Bleilettern:

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Der Blick vom Tresen mit dem aufgeschlagenen Buch in die Werkstatt, am linken Bildrand eine Hydraulikpresse:

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Der Empfangsbereich mit den Meisterurkunden:

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Die Meisterurkunden, darunter Gläser mit Heftklammern, die innerhalb eines Jahres aus den Fachzeitschriften entfernt werden, um bei der weiteren Verarbeitung keinen Schaden an den Präzisionsmaschinen anrichten zu können:

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Die Prägepresse für Titelprägungen auf dem Vorderdeckel und Rücken:

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Ein paar Produkte, die in dieser besonderen Werkstatt von der Buchbindemeisterin hergestellt werden:

Ein Musterbuch mit  Schraubung

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Ein Fotoband mit Klappkassette:

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Ein Gästebuch mit Goldprägung nach Kundenentwurf und Lesezeichenband:

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Bücher für die Reparatur im Anlieferungszustand – mit Tesa (!) verunstaltet:

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Das Ergebnis rostiger Heftklammern. Damals wurden grössere Auflagen mit Heftklammern gefertigt – niemand konnte ahnen, dass die Bücher die nächsten 10 Jahre überleben würden.

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Vielleicht schaffe ich es, die reparierten Bücher nach Fertigstellung nochmal abzulichten.

Nachtrag: Ich habe es geschafft – so sieht ein Bildband nach der Reparatur aus:

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Die Reparatur einer Lexika Serie aus 18 Bänden. Die Deckel und Rücken müssen repariert werden, d.h. die alten Lederteile werden in aufwändigen Prozessen manuell von der Papierunterlage gelöst, aufgearbeitet und anschliessend mit den Deckeln verbunden.

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Traumhaft schöne Illustrationen aus Zeiten, in denen es noch nicht möglich war, Fotografien zu drucken:

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Ein Kästchen mit eingelassenem Deckel, Aussenbezug aus Strukturpapier, Innenfutter aus Seide und als Schmuckelement auf der Deckel-Innenseite ein Foto.

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Eine Reparatur: Im Original hatten sich nach über 30 Jahren alle simpel geklebten Seiten vom zellophanierten Einband des Taschenbuches gelöst, der Kleber war hart und brüchig geworden, das Titelbild war zerstört. Jetzt sieht es besser aus als vorher.

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Ein Gästebuch im A4 Format mit fadengeheftetem Büttenpapier, einem Einband aus Ziegenleder mit einer Klischeeprägung in Gold auf dem Vorderdeckel.

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Ein Meisterstück: Ganzfranzband in Oasenziegenleder in passender Klappkassette mit aufgesetzten Deckeln. Bezug der Kassette und des fliegenden Blattes aus Monotypiepapier.

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Die Reparatur einer Bibel mit 2-3 mm dicker Decke aus Rindsleder und einer Goldprägung:

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ALLE FOTOS © 2017 BY JENS G.R. BENTHIEN

Die rein mechanisch arbeitenden Maschinen und die Präzision des Handwerks ermöglichen es, Bücher zu produzieren, die man gern anfasst, deren Haptik man geniesst und die lange halten – länger als jedes iPad oder Tablet-PC.

Ist mir grade eingefallen:

Ein iPad hält 4 Jahre. Ein gutes Buch 2 Leben lang. Wann gehen Sie mal wieder in eine Buchbinderei? Die Buchbinderei Focken macht Einzelanfertigung von Gästebüchern, Alben, Familienchroniken, Dokumentationen, Schachteln, Kassetten, Fachzeitschriften und repariert Ihre lädierten Lieblingsbücher.

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